Finnland: Zu Gast in der Uhrmacherschule „Kelloseppäkoulu“

von | Mai 12, 2026 | Erfahrungsberichte aus dem Ausland, Finnland, Zielländer

Auslandsaufenthalt mit Erasmus+ im November 2025

Ein Bericht von Katrin und Zilvinas, Auszubildende im Hamburger Uhrmacherhandwerk …

Gang im Flughafen Helsinki

Möglichst weit weg

Wir wollten so weit wie möglich weg, nicht in die Nähe von Deutschland, so sehr wir unsere Nachbarn auch mögen. Wir freuten wir uns sehr, als wir hörten, dass die finnische Schule Kelloseppäkoulu mit unserer Schule kooperiert.
So führte uns (Katrin und Zilvinas) unser Aufenthalt in den Ort Espoo, zur Kelloseppäkoulu  – der einzigen Uhrmacherschule Finnlands, nur etwa eine halbe Stunde von der Hauptstadt Helsinki entfernt. Die Kälte sollte uns nicht stören, da wir an fehlende Sonne aus dem herbstlichen Hamburg gewöhnt waren.

In diesen zwei Wochen wurde diese Einstellung auf die Probe gestellt, denn unser Aufenthalt fiel auf die „graueste Zeit des Jahres“ (von einem Getränkehersteller als Marketing-Gag gewählt und dann von den Einwohnern mit offenen Armen adoptiert).

Kulturschock – in Finnland tickt man anders

An unserem ersten Tag wurden wir herzlich von unserem Gastgeber empfangen, der uns in das gemütliche Büro des Direktors führte. Dort standen etwa acht bis zehn Stühle um einen Tisch, auf dem verschiedene Backwaren und frisch gebrühter Kaffee für ein Gespräch bereitstanden. Der erste Kulturschock kam genau hier, völlig unerwartet. Während in Deutschland Lehrer fast ausschließlich mit ihrem Nachnamen und der höflichen Anrede „Sie“ angesprochen werden, ist diese hierarchische Gesprächsweise in Finnland völlig unbekannt. Vom ersten Moment unserer Ankunft an duzten wir den Schulleiter und alle Lehrer, woran wir uns erst gewöhnen mussten, was aber keineswegs unangenehm war und sofort für eine entspannte Atmosphäre sorgte.

Die finnische Uhrmacherschule Kelloseppäkoulu war in einer ehemaligen Bibliothek untergebracht. Trotz des Surrens schwerer Maschinen und offenem Lötöfen eine schufen die Räume eine gemütliche Atmosphäre, was auch daran lag, dass alle am Eingang ihre Straßenschuhe gegen flauschige Hausschuhe tauschten.

Weltoffenes Miteinander

Das Durchschnittsalter in unserer Klasse in Kelloseppäkoulu  war etwa 10 Jahre höher als in unserer Schule in Deutschland. Es schien, als hätte jeder dort zuvor in einem anderen Bereich studiert oder gearbeitet, sich aber unerfüllt gefühlt und deshalb nach einer beruflichen Alternative gesucht – ganz ähnlich wie wir beide. Wir fühlten uns auf dieser Ebene mit den Studenten verbunden.

Alle unsere Kollegen waren sehr herzlich und wir haben echte Freundschaften geschlossen. Ein besonderes Highlight war es, die Menschen aus dem „Kurs für unabhängige Uhrmacher“ kennenzulernen – einem neuen Projekt der Kelloseppäkoulu, das Menschen aus aller Welt die Möglichkeit bietet, an einem zweijährigen Uhrmacherkurs teilzunehmen.

floral dekoriertes Metallgestell in Form eines Tannenbaums
Foto mechanisches Uhrwerk

Fachliches Knowhow erweitert: einzigartige Taschenuhr

Unser Projekt war das Designen und Veredeln einer ETA-6498 Taschenuhr – ein Uhrwerk, mit dem wir bereits vertraut waren und das viel Material zum Bearbeiten bietet. Die Räder sind minimal und die Oberfläche der Platinen ist groß. Wir konnten unsere jeweiligen Entwürfe am ersten Tag fertigstellen und nachdem wir sichergestellt hatten, dass unsere Pläne umsetzbar waren, durften wir nach einer Einweisung durch einen Lehrer oder einen der Schüler alle verschiedenen Spezialmaschinen benutzen.

Einige von uns verwendeten ein Sandstrahlgerät, um eine matte Oberfläche zu erzielen oder einfach mit verschiedenen Texturen zu experimentieren. Andere, darunter wir beide, schliffen die Platten manuell mit einer Mischung aus Benzin und Siliziumkarbid. Neben dieser überraschend einfachen Technik wurden wir kompetent in den Sonnenschliff, das Bläuen in einem der Spezialöfen und das Anglieren eingeführt – alles zu erklären würde zu lange dauern, aber Uhrmacher und Goldschmiede werden diese Begriffe sicherlich wiedererkennen.

Nach nur zwei Wochen hatten wir es geschafft – eine einzigartige Taschenuhr, glänzend blaue Schrauben, ganz ohne Farbe, nur durch gezieltes Erhitzen des Stahls zu einer bestimmten Temperatur, Wellen, Blumen und andere Formen, und vor allem – viele Erfahrungen, die wir mit in unsere Schule nehmen konnten.

Blick in finnische Werkstätten

Zwischen den regulären Schultagen besuchten wir zwei bekannte lokale Uhrmacher: Stepan Sarpaneva, ein exzentrischer Uhrmacher, besessen von Motorrädern, entwirft aufwendige Designs, die stets seine charakteristische Sonne und Lumineszenz beinhalten. Jede Uhr wird von nur fünf engagierten Uhrmachern gefertigt und liebevoll von Hand mit leuchtender Farbe bemalt – von Moomin im Gras bis hin zu Kathedralen artigen Ausschnitten.

Ein noch kleinerer Betrieb, S.U.F., mit nur drei Uhrmachern, hat seine Nische in der Luftfahrt gefunden und sich von ihr inspirieren lassen. Die Designs stammen direkt aus dem Innenleben eines Jets. Eines der Modelle wird exklusiv für jeden Piloten nach Abschluss seiner Ausbildung gefertigt und verfügt über spezielle Funktionen, die nur dieser benötigt, eine goldene oder silberne Plakette in Form eines Jets auf dem Zifferblatt je nach Rang.

mechanisches Uhrwerk

Unvergessliche Erfahrungen

Unsere zwei Wochen in Espoo vergingen wie im Flug, aber selbst in dieser kurzen Zeit haben wir unglaublich viel erlebt. Wir können einen Austausch mit der finnischen Uhrmacherschule jedem, der eine Ausbildung im Bereich Uhrmacherei oder Feinmechanik absolviert, höchstens empfehlen – wir würden es jederzeit wieder tun.

Text und Fotos: Katrin und Zilvinas

Hier waren wir zu Gast: 

Name: Uhrmacherschule Kelloseppäkoulu:
Adresse: Vanha maantie 11, 02650 Espoo, Finnland
Telefon: +358 9 4355 770
E-Mail: kanslia@kelloseppakoulu.fi 
Website: kelloseppakoulu.fi